Hochwasser: Erinnerungen an das Hochwasser von 1947

Das Hochwasser der letzten Tage hat uns, die wir jeden Tag an der Saale leben und arbeiten, mal wieder vor Augen geführt welche Kraft die Natur haben kann. Wie selbstverständlich gehen wir davon aus dass der Fluss das macht was wir von ihm erwarten: als Naherholungsgebiet, als Transportweg oder, wie in unserem Fall, als Energielieferant. Ab und zu zeigt uns aber die Natur dass es auch mal anders gehen kann.

So unangenehm die Situation der letzten Tage für uns hier an der Saale auch ist: auch in der Vergangenheit hat es bereits Hochwasser gegeben, und das mit viel schlimmeren Folgen. Heinz Staake, ehemaliger Bewohner der Fabrikantenvilla der Familie Lange hier auf dem Gelände der Papierfabrik, hat seine Erinnerungen eines 13-jährigen an das Hochwasser von 1947 zusammengefasst:

Bernburg, den 19. Januar 2011

Die Beobachtungen an der Saale und die Medienberichte, u.a. in der MZ haben bei mir Erinnerungen wach gemacht, nicht zuletzt widersprüchliche.

Bisher wurde das jetzige Hochwasser immer mit 2003 verglichen. Heute in der MZ war ein Vergleich mit dem Jahr 1946.
Ich glaube, da hat sich der Autor um ein Jahr geirrt. 1946 hatten uns die sowjetischen Besatzungsmächte aus unserem Haus in der Brunnenstraße ausquartiert, und der sowjetische Demontagekommissar Broserow hatte dort Einzug gehalten. Broserow war verantwortlich für den Aus- bzw. Abbau und Abtransport der Ausrüstugen von der Fa. Solvay in Bernburg und Solvayhall, später Friedenshall, als Reparationsleistungen.

Wir hatten im Dachgeschoß der Fabrikantenvilla der Familie Lange, damals noch Besitzer der Papierfabrik auf der Saalehalbinsel, Zuflucht gefunden. Zuerst mit Beginn des Winters, der auch 1946 sehr zeitig und sehr streng herein brach, war das Wohnen sehr angenehm. Die oberen Räume waren ausschließlich elektrisch zu beheizen. Strom gab es genug, denn die Papierfabrik erzeugte ihn selbst im eigenen Turbinenhaus mit Hilfe der Wasserkraft.
Nach dem strengen, auch sehr schneereichen Winter folgte 1947 ein Frühjahrshochwasser, welches ich nicht aus meiner Erinnerung lassen werde. Das Saalewasser stieg so hoch, dass die Wasserschutzpolizei mit ihrem Motorboot „Bode“ mühelos über das Wehr fahren konnte. Die Turbinen der Wasserkraftanlage konnten wegen des fehlenden Gefälles nicht mehr arbeiten, und nun war unsere Wohnung kalt. Wir saßen frierend in der Küche um einen Katalytofen herum, den mein Vater samt nötigem Leichtbenzin aufgetrieben hatte. Gekocht wurde auf einem uralten Spirituskocher, und der Brennstoff dafür war knapp.

Auch die übrigen Häuser hatten nun weder Strom noch Dampf zum Heizen. Die notwendigen Kohletransporte mit Rohbraunkohle für das Heizwerk konnten nicht mehr herangeführt werden. Die Versorgung mit Kohle erfolgte in der Regel mit auf Strassenroller gesetzen Güterwaggons und zusätzlich mit einem werkseigenen LKW mit Elektroantrieb. Der letzte Kohletransport mit dem Elekro-LKW, bevor das Wasser die Zufahrt unmöglich machte, wurde sehnsüchtig erwartet. Da jedoch die vorhandene Dampfmaschine ohnehin kaputt war hätte wohl auch diese Kohle weder Strom noch Wärme gebracht.

An eine Evakuierung hat aber damals niemand gedacht.

Ich erinnere mich noch gut wie der älteste Sohn der Familie Lange, Jochen, in Wathosen und mich auf den Schultern tragend bis an die Hauptstrasse vorgedrungen war. Wahrscheinlich meinte er sich mit meinem zusätzlichen Gewicht besser einen sicheren Stand verschaffen zu können. An eine Gefahr haben wir dabei wohl beide nicht gedacht.

In den folgenden Tagen erfolgte die Versorgung und der Personenverkehr zwei bis drei mal am Tag mit einem durch den Rosenhag gestaakten Handkahn.

Mit diesen Erfahrungen sind die heutigen Hochwasserereignisse, wenn es nicht schlimmer kommen sollte, nicht vergleichbar.

Heinz Staake

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr interessanter Bericht. Nach meinen Aufzeichnungen war das HW 1947 auch nicht viel extremer als das diesjährige. Am UP Trotha wurden am 15.03.1947 7,00 m erreicht. Der UP Bernburg zeigte am 16. 03.1947 5,90 m an (OP BBG 6,25 m) bei einem rechnerischen Gesamtabfluss von 1100 m3/s. Sicherlich war 1947 allgemein noch ein tiefergelegenes Geländeprofil im Überschwemmungsgebiet prägend, so dasss der Einstau großflächiger war und zu höheren Wasserständen im Hochwasseerüberschwemmungs- und -abflussgebiet führte.

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